Das Loch
Fünfundzwanzig Jahre, und es ist nicht zugewachsen.
Man hat Beton hineingegossen und Namen in Stein gefräst,
Wasser fällt dort jetzt in geordneten Bahnen nach unten,
es fällt und fällt und kommt an keinem Grund an.
Das ist die genaueste Auskunft über dieses Loch.
Es hat keinen Boden, weil es nie in der Erde lag.
Es sitzt seither in uns, unter den Nachrichten,
unter den Jahren, die wir inzwischen Normalität nennen.
Ihr seid nicht still geworden, ihr klagt.
Ihr klagt uns nicht an für den Morgen,
an dem ihr aufgestanden seid wie an jedem anderen,
mit einer Liste, mit Kaffee, mit einem Plan für den Abend.
Ihr klagt uns an für die Jahre danach.
Dafür, dass wir das Loch zugeschüttet haben mit Gesetzen,
mit Kameras, mit zwei Jahrzehnten Krieg gegen einen gemachten Feind,
mit allem, was sich schnell hineinwerfen lässt,
damit niemand mehr hineinsehen muss.
Dafür, dass wir eure Bilder behalten und eure Namen verloren haben.
Dafür, dass aus eurem Sterben eine Währung geworden ist,
die seither täglich an uns ausgezahlt wird
in kleinen Dosen Angst, damit wir stillhalten.
Eine Wunde, die sich weigert zu schließen, ist kein Unglück.
Sie ist ein Organ.SSie hält eine Stelle offen,
an der die Welt sonst längst wieder glatt wäre,
und gegen diese Glätte schreibe ich an.
Ihr verlangt kein Mitleid.
Mitleid ist billig und am selben Abend vergessen.
Ihr verlangt, dass ein Mensch aufsteht mitten in seinem eingerichteten Leben
Dass er nachzählt, wie oft er stillgehalten hat.
Dass er nachrechnet, was ihn seine Sicherheit gekostet hat und wer daran verdient.
Dass er nachsieht, welche Freiheit er weggegeben hat, ohne dass jemand sie ihm nehmen musste.
Im September fällt Eisen vom Himmel.
Es fällt in den Boden, in die Halme, in unser Blut,
und aus diesem Eisen ist die einzige Antwort gemacht,
die ihr von uns annehmen würdet.
Wachheit. Ein Denken, das sich nicht trösten lässt.
Ein Mensch, der eine Frage offen hält,
weil das Loch offen ist,
weil ihr offen seid,
weil hier etwas bis heute nicht zu Ende gedacht wurde.
Ich lege keine Blumen hin.
Ich bleibe wach.
Ilona Krämer
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