Du hältst für alle die Balance.
Wer hält deine?
Zwischen Tag-und-Nachtgleiche, Widder-Vollmond und Michaeli liegen sieben Tage, die dir eine sehr persönliche Frage stellen: Wie stehst du eigentlich in deinem eigenen Leben?
Heute Nacht um 2:05 Uhr, während die meisten von uns geschlafen haben, hat die Sonne den Himmelsäquator überschritten. Für einen kurzen Augenblick waren Tag und Nacht auf der ganzen Erde gleich lang. Ich stelle mir diesen Moment gern wie eine alte Balkenwaage vor, die einen Atemzug lang vollkommen ruhig steht, bevor sie sich zur anderen Seite neigt. Von nun an gewinnt die Dunkelheit jeden Tag ein paar Minuten hinzu, das äußere Licht zieht sich zurück, und damit rückt eine Frage näher, der wir im Sommer so wunderbar ausweichen konnten: Welches Licht bringst du selbst mit, wenn die Tage kürzer werden?
Sieben Tage mit einer einzigen Frage
In dieser Woche liegen drei Schwellen so dicht beieinander, dass sie sich wie ein zusammenhängender Weg lesen lassen. Heute die Tag-und-Nachtgleiche, am 26. September der Vollmond im Widder und am 29. September Michaeli, das Fest des Erzengels Michael. Wenn du magst, nimm diese Tage als einen Bogen, der beim stillen Innehalten beginnt, sich zum Vollmond hin spürbar auflädt und mit Michaeli in eine Haltung mündet, aus der heraus du handeln kannst. Der Himmel liefert dir die Gelegenheit, die Entscheidung darüber liegt ganz bei dir.
Die Sonne in der Waage: Wo bleibst eigentlich du?
Mit der Tag-und-Nachtgleiche wandert die Sonne ins Zeichen Waage. Psychologisch betrachtet richtet die Waage den Blick auf das Gegenüber, auf Beziehung, Ausgleich und die hohe Kunst, verschiedene Interessen in eine gute Form zu bringen. Das ist eine schöne Fähigkeit, und viele von uns beherrschen sie meisterhaft.
In meiner Arbeit begegnet mir immer wieder ein Muster, das dich vielleicht auch betrifft. Die Frauen, die zu mir kommen, handeln oft unglaublich kraftvoll, sobald es um andere geht. Sie organisieren die Familie, tragen Verantwortung im Beruf, begleiten alte Eltern, sind für Freundinnen da. Sobald es aber um das eigene Leben geht, um den eigenen Wunsch und die eigene Entscheidung, fehlt plötzlich die Kraft oder der Mut. Die Waage ist dann zwar im Gleichgewicht, allerdings nur deshalb, weil die eigene Schale leer geblieben ist.
Die Sonne in der Waage lädt dich ein, ehrlich hinzuschauen. Ist das Gleichgewicht in deinem Leben echt? Oder hältst du es für alle anderen aufrecht und hast dich selbst stillschweigend aus der Rechnung genommen?
Vollmond im Widder: Das „Ich will” meldet sich zu Wort
Drei Tage später, am 26. September, steht der Mond der Waage-Sonne genau gegenüber, im Zeichen Widder. Damit wird die ganze Achse zwischen Du und Ich hell ausgeleuchtet. Während die Waage abwägt und vermittelt, spricht der Widder eine ganz schlichte Sprache: Er sagt „Ich will”.
Für viele Frauen in der zweiten Lebenshälfte ist dieser Satz ungewohnt, manchmal fühlt er sich beinahe unanständig an. Wir haben gelernt, dass Wollen egoistisch sei und Rücksicht die höhere Tugend. Der Vollmond bringt nun ans Licht, was lange im Halbschatten liegen durfte. Vielleicht spürst du in diesen Tagen eine eigenartige Unruhe, eine Gereiztheit oder eine Sehnsucht, die du gar nicht so genau benennen kannst. Nimm sie ernst, denn oft verbirgt sich darin ein Wunsch, der schon sehr lange an deine Tür klopft.
Setz dich in den Tagen um den Vollmond einmal in Ruhe hin und frag dich, was in den letzten Jahren in dir reif geworden ist. Welcher Wunsch taucht immer wieder auf, obwohl du ihn regelmäßig vertagst? Wo sagst du Ja, obwohl ein deutliches Nein in dir wohnt? Die Antworten müssen noch keine Pläne sein. Es reicht vollkommen, wenn du sie zum ersten Mal ehrlich zu dir selbst sagst.
Bewusstsein ist der Kipppunkt
Rudolf Steiner beschreibt den Jahreslauf als ein großes Atmen der Erde. Im Sommer atmet sie aus, ihre Seelenkräfte strömen in den Umkreis, und auch wir Menschen leben in dieser Zeit ein wenig verträumt, hingegeben an Licht und Wärme. Im Herbst atmet die Erde wieder ein. Während draußen die Natur welkt und sich zurückzieht, wacht die menschliche Seele auf. Der Herbst ist deshalb die Jahreszeit des erwachenden Bewusstseins.
Genau darin liegt der Kipppunkt. Solange du etwas nur ahnst, kannst du es beiseiteschieben. Sobald du es klar erkennst, ist die Situation eine andere, denn du weißt nun Bescheid, und dieses Wissen lässt sich nicht mehr zurückgeben.
Allerdings ist mit dem Erkennen allein noch nichts getan. Viele von uns kennen das: Wir haben verstanden, was uns fehlt, wir könnten es sogar schön formulieren, und trotzdem ändert sich im Alltag erstaunlich wenig. Nach dem Bewusstwerden braucht es den klaren Gedanken, der dem Wunsch eine Richtung gibt, und dazu ein Gefühl, das dich trägt, wenn es unbequem wird. Beides sind aktive Prozesse, und gerade wenn sie der eigenen Person gelten, fühlen sie sich zunächst fremd an. Für andere denken und fühlen wir mit großer Selbstverständlichkeit. Für uns selbst müssen wir es oft erst lernen.
Wenn du spürst, dass du an genau dieser Stelle stehst, kann eine Begleitung hilfreich sein. In meinem 12-Wochen-Coaching „Deine Entscheidung” gehen wir diesen Weg vom Erkennen ins Tun gemeinsam, Schritt für Schritt und in deinem Tempo. Wer zuerst einmal wissen möchte, welche Themen in der eigenen Biografie gerade anklopfen, findet in einer persönlichen Impulsanalyse einen guten Ausgangspunkt.
Michaeli: Warum es jetzt auf dich ankommt
Am 29. September feiern wir Michaeli. In der anthroposophischen Anschauung gilt Michael als der Geist unserer Zeit, und er hat eine Eigenschaft, die mich immer wieder berührt: Er zwingt niemanden. Er wirkt nur dort, wo ein Mensch aus freiem Entschluss selbst tätig wird. Michael nimmt dir keinen Schritt ab, er wartet darauf, dass du ihn tust.
Deshalb kommt es jetzt auf dich an. Keine Konstellation und keine geistige Macht wird dein Leben für dich in Ordnung bringen. Was sie dir schenken können, ist Rückenwind für einen Weg, den du selbst beschreitest.
Das alte Bild zeigt Michael im Kampf mit dem Drachen. Ich lese dieses Bild ganz persönlich. Der Drache wohnt in uns selbst, als Bequemlichkeit, als Angst vor dem Urteil anderer, als die bequeme Gewohnheit, erst einmal abzuwarten. Viele Frauen jenseits der fünfzig haben die Formblätter für ihr Leben längst ausgefüllt, mit allen Häkchen an den erwarteten Stellen. Der Drache ist oft genau dieses Formular, das uns so vertraut ist, dass wir gar nicht mehr merken, wie eng es geworden ist.
Steiner verbindet Michael mit dem Eisen. Im Spätsommer fallen die Sternschnuppen, und mit ihnen gelangt Meteoreisen aus dem Kosmos auf die Erde. Dasselbe Eisen lebt in unserem Blut und gibt uns die Kraft, aufrecht zu stehen und mutig zu handeln. Wenn du in diesen Tagen spürst, dass sich in dir etwas strafft und aufrichtet, dann ist das vielleicht genau diese Kraft.
Was du ernten darfst und was du neu säst
Der Herbst ist Erntezeit, und auch in deinem Leben gibt es eine Ernte einzufahren. Gerade in der zweiten Lebenshälfte hast du etwas, das dir niemand nehmen kann: Lebenserfahrung, Menschenkenntnis, die Gewissheit, schon viele Stürme überstanden zu haben. Das ist reife Frucht. Erlaube dir, sie wahrzunehmen und wertzuschätzen, anstatt sie wie selbstverständlich weiterzuverschenken.
Zur Ernte gehört auch das Aufräumen. Manche Rollen und Pflichten hatten ihre Zeit und haben dir gut gedient. Heute dürfen sie auf den Kompost, wo sie zu fruchtbarer Erde werden für das, was als Nächstes wachsen will.
Das schönste Bild dieser Jahreszeit ist für mich die Wintersaat. Das Korn, das im Herbst in die Erde gelegt wird, keimt ganz im Verborgenen. Es überdauert den Winter unter der Oberfläche und braucht sogar die Kälte, um im Frühjahr kräftig aufzugehen. Genau so darf auch dein neuer Anfang sein. Er muss heute noch nicht sichtbar werden. Er braucht nur einen bewussten Entschluss, ihn in die Erde zu legen.
Such dir ein einziges Samenkorn aus. Einen Wunsch, eine Entscheidung, einen ersten kleinen Schritt, der ganz dir gehört. Eines reicht völlig, denn wer zehn Körner auf einmal sät, verliert schnell den Überblick, welches davon wirklich das eigene war.
Wie stehst du in deinem Leben?
Die Waage steht einen Augenblick ruhig, bevor sie sich neigt. Michael steht aufrecht vor dem Drachen. Beide Bilder erzählen von einer Haltung, die auch dir offensteht. Probier es ganz körperlich aus: Stell dich hin, spür deine Füße auf dem Boden, richte die Wirbelsäule auf und lass die Schultern sinken. So steht ein Mensch, der weiß, dass sein Leben ihm selbst gehört.
Für Michaeli möchte ich dir einen kleinen Impuls mitgeben. Nimm dir am 29. September einen ruhigen Moment, vielleicht mit einer Kerze, und schreib dein Samenkorn auf ein Blatt Papier. Formuliere es als Satz, der mit „Ich will” beginnt. Falte das Blatt, leg es an einen besonderen Ort und hüte es bis zum Frühjahr. Wenn die Tage wieder länger werden, holst du es hervor und schaust nach, was aus deiner Wintersaat gewachsen ist.
Das Licht draußen nimmt nun ab. Umso mehr zählt das Licht, das du selbst entzündest.
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