Vollmond im Widder

Was weißt du längst und möchtest es noch nicht wahrhaben?

Am Abend des 26. September, um 18:49 Uhr, wird der Mond voll. Er leuchtet auf dem vierten Grad des Widders, und auf genau diesem Grad steht der rückläufige Neptun, nur achtunddreißig Bogenminuten entfernt. Enger geht es kaum.

Der Widder ist das Zeichen, das „Ich will” sagt. Er ist der erste Impuls, das Feuer, das sich nicht erklärt, bevor es brennt. An diesem Abend strahlt die Sonne aus der Waage dieses Feuer in voller Stärke an, und im selben Moment legt Neptun seinen Schleier darüber. Etwas ist hell und deutlich da, und wir können es trotzdem nicht scharf sehen.

Die Frage, die dieser Vollmond stellt, lautet: Was geschieht eigentlich, wenn eine Wirklichkeit nicht mehr zu der Geschichte passt, die wir uns über sie erzählen? Im Großen lässt sich das gerade an vielen Stellen beobachten, bei den Wahlen, beim Grönland-Abkommen, dessen Text niemand kennt, bei einer Wirtschaft, die ohne Wachstum ins Rutschen gerät. Darüber spreche ich ausführlich in meinem Video. Hier möchte ich mit dir bei der Stelle bleiben, an der dieselbe Frage dich ganz persönlich betrifft, denn sie stellt sich in jedem einzelnen Leben, nur ohne Wahltag und ohne Pressekonferenz.

Nebel und Aufbruch zur selben Stunde

Die Achse zwischen Waage und Widder stellt bei jedem Vollmond dieselbe Frage: Wie viel darf ich wollen, ohne die Verbindung zu gefährden, und wie lange kann ich die Verbindung halten, ohne mich selbst zu verlieren? Die Waage hält den Widder für rücksichtslos, der Widder hält die Waage für zögerlich, und beide brauchen einander.

Neptun steht in Opposition zur Sonne und auf dem Mond. Das ist der Aspekt, unter dem Wahrheit und Wunschdenken ihre Grenze verlieren. Wir glauben Dinge, weil wir sie glauben möchten, und übersehen andere, weil das Hinsehen etwas kosten würde.

Wer diesen Vollmond deshalb für weich und handlungsschwach hält, übersieht allerdings den Rest des Himmels. Uranus in den Zwillingen steht im Trigon zur Sonne und im Sextil zum Mond. Er bringt Bewegung in erstarrte Vorstellungen, oft innerhalb von Stunden, und er ist der Aspekt, unter dem jemand mitten im Satz innehält und merkt, dass er etwas seit Jahren sagt und schon länger nicht mehr glaubt. Pluto im Wassermann bildet fast gradgenau ein Trigon zur Sonne und ein Sextil zum Mond, und er verwandelt in diesen Tagen so, wie Wasser einen Stein verändert. Mars im Trigon zum Mond gibt die Kraft, das Erkannte auch zu tun. Das Alte verliert seine Kontur, das Neue ist noch unformuliert, und die Kraft zum Handeln liegt trotzdem bereit.

Das wandelnde Nö zieht in den Steinbock

Am 14. September ist Lilith in den Steinbock gewechselt, wo sie bis zum 11. Juni 2027 bleibt. Ich nenne Lilith in meinen Beratungen gern das wandelnde Nö in uns. Sie ist die Fähigkeit, nicht jeder Idee nachzurennen, nicht jeder Erwartung und nicht jeder guten Sache, die jemand anderes für richtig hält. Besonders Frauen lernen früh, dieses Nö zu verstecken oder in eine Entschuldigung zu verpacken.

Jetzt wandert diese Kraft durch das Zeichen, das für Ordnung, Pflicht, Leistung und Autorität steht. Sie stellt dort die Fragen, die höflich niemand stellt. An diesem Vollmond steht sie im Quadrat zu Sonne, Mond und Neptun. Das Nö meldet sich also deutlich, während sein Gegenstand noch im Nebel liegt, und genau in diesem Zustand explodieren Menschen gern an der falschen Stelle.

Einen Ausweg zeigt der Himmel ebenfalls. Merkur in der Waage steht im Sextil zu Lilith: Was jetzt in Worte gefasst wird, kann seinen Gegenstand finden, statt als diffuse Gereiztheit im Raum zu hängen. Lilith bildet außerdem ein Trigon zu Chiron auf dem letzten Grad des Widders. Der alte Schmerz um das Nicht-Dazugehören und die Kraft, die sich nicht mehr unterwirft, können in diesen Wochen zusammenfinden. Aus der Wunde kann eine Haltung werden.

Vier Fragen für die Tage um den Vollmond

Manche davon beantworten sich beim Abwasch, andere brauchen zwei Wochen und eine schlaflose Nacht.

Täuschung oder Ahnung? Unter der Opposition von Sonne und Neptun lässt sich das am schlechtesten auseinanderhalten. Deshalb frage ich lieber andersherum: Was weißt du längst und möchtest es noch nicht wahrhaben? Ich wette, da ist gerade etwas hochgekommen, schneller, als dein Verstand es abwehren konnte. Vermutlich dasselbe wie beim letzten Mal. Das Wissen ist also da, was fehlt, ist die Erlaubnis, es zu wissen. Wir nennen das gern Unsicherheit, weil es so unschuldig klingt. Meistens ist es eher ein Trick, denn solange ich nichts genau weiß, muss ich auch nichts tun. Neptun ist der Nebel, den wir erleiden, und ebenso der Nebel, den wir selbst produzieren. Heute musst du nichts entscheiden. Nimm nur zur Kenntnis, wer sich da eben gemeldet hat.

Was willst du eigentlich? Hier liegt für mich das Herz dieses Vollmondes. Die Sonne in der Waage ist die Frau, die abwägt und sämtliche Bedürfnisse im Raum auf dem Schirm hat, einschließlich derer, die noch niemand ausgesprochen hat. Geht es um ihr Kind, ihre Mutter oder eine Freundin in Not, dann geht sie durch Wände. Fragst du dieselbe Frau, was sie am Samstag gern machen würde, sagt sie: Ach, mir ist das egal, was wollt ihr denn? Der Mond im Widder ist ihr eigenes „Ich will”, und an diesem Abend liegt Neptun genau darauf. Die Kraft fließt zuverlässig nach außen, und sobald es um die eigene Person geht, wird der Wille weich wie Butter in der Sonne.

Es gibt den Satz „Ich weiß nicht, was ich will”, und es gibt den Satz „Ich traue mich nicht, es zu wissen”. Der erste klingt bescheiden, der zweite tut weh, und Neptun macht aus dem zweiten zuverlässig den ersten. Wer jahrzehntelang erlebt hat, dass immer gerade jemand anderes dringender dran war, schaltet an dieser Stelle irgendwann das Licht aus. Das war damals eine kluge Anpassung an Verhältnisse, in denen wenig Platz war. Die Verhältnisse haben sich geändert, das Licht ist immer noch aus. Frag dich deshalb bitte gar nicht erst, was du willst, das ist eine Nummer zu groß. Frag dich lieber, was du wolltest, bevor du gelernt hast, was man so will.

Nach wessen Regeln lebst du? Welche Vorstellungen von Pflicht, Erfolg, Anstand und Sicherheit bestimmen dein Leben, und sind es deine? Die meisten davon haben wir mit vierzehn übernommen, von Eltern und aus einer Zeit mit ganz anderen Bedingungen. Eine Frau meines Jahrgangs hat Regeln mitbekommen, die für eine Welt gemacht waren, in der es sie so, wie sie heute lebt, gar nicht geben sollte. Wir tragen also Gebrauchsanweisungen für ein Gerät mit uns herum, das es längst nicht mehr gibt. Die schärfere Version lautet: Wo funktionierst du noch für eine Ordnung, an die du innerlich längst nicht mehr glaubst? Vielleicht im Beruf, in dem dich seit Jahren nichts mehr überrascht, in einer Beziehung, in der ihr beide sehr höflich geworden seid, oder in einer Familienrolle, die dir mit dreißig zugewiesen wurde und die niemand je überprüft hat. Eine Lebensordnung bricht selten zusammen, weil jemand sie angreift. Sie hört auf zu tragen, wenn du innerlich nicht mehr an sie glaubst und äußerlich noch eine Weile weitermachst. Genau da meldet sich dein Nö. Lass es reden, denn es ist eine Standortbestimmung und keine Undankbarkeit gegenüber deinem bisherigen Leben.

Wo sitzt die alte Verletzung zwischen Denken und Handeln? Merkur, Mars und Chiron liegen an diesem Vollmond miteinander im Clinch, Mars und Chiron sogar im Quadrat auf dem jeweils letzten Grad ihres Zeichens. Das zeigt sich zum einen im Gespräch, das du seit Jahren nicht führst. Du weißt sofort, welches ich meine, und du hast eine ausgezeichnete Begründung, warum der Zeitpunkt gerade ungünstig ist. Dieselbe Begründung hattest du vor drei Jahren auch schon, sie hat sich gut gehalten. Zum anderen zeigt es sich in der Wut, die sich im Familiären verheddert. Mars steht im Krebs, im Zeichen von Zuhause und Herkunft, und dort entlädt sich gerade einiges, das eigentlich woandershin gehört. Der Ärger aus dem Büro kommt beim Abendessen heraus, und die Kränkung von 1998 sitzt mit am Tisch.

Du musst nicht alles retten, was einmal richtig für dich war

Wenn du dir aus diesem Vollmond einen einzigen Satz mitnimmst, dann bitte diesen. Deine Entscheidung mit dreißig war kein Irrtum, nur weil sie heute nicht mehr passt. Sie war goldrichtig, sie hat dich hierher gebracht. Jetzt darf sie in Rente gehen, mit Dank und ohne schlechtes Gewissen auf beiden Seiten.

Bewusstwerdung ist dabei der Kipppunkt. Ohne sie geschieht gar nichts, mit ihr allein allerdings auch noch nichts. Zwischen Erkennen und Tun liegt eine Strecke, die viel länger ist, als wir annehmen. Es braucht den klaren Gedanken, der aus der Ahnung eine Formulierung macht, und das tragende Gefühl, das diesen Gedanken aushält, auch wenn er Folgen hat. Viele Frauen beherrschen beides hervorragend, solange es um andere geht. Für die eigene Person sind sie völlig ungeübt darin.

Genau diese Strecke gehe ich in meinem Zwölf-Wochen-Coaching „Deine Entscheidung” mit dir, von der ersten Ahnung bis zu der Entscheidung, die dann tatsächlich getroffen wird. Viele dieser Übergänge fallen übrigens mit großen Lebenszyklen zusammen, mit der Uranus-Opposition, dem Chiron-Return, den Saturn-Wiederkehren oder dem dritten Mondknoten-Return. Sie zeigen an, dass eine Lebensform ihre Aufgabe erfüllt hat, und aus „Mit mir stimmt etwas nicht” wird „Ich bin an einem bestimmten Punkt meines Weges”. Dieses Wissen steckt in meinem Onlinekurs „Astrologie und Lebensart der zweiten Lebenshälfte”, der genau an diesem Vollmondtag startet. Wer jetzt das Coaching bucht, bekommt den Kurs im Rahmen meiner Herbstaktion kostenlos dazu. Wer lieber in eigenem Tempo arbeitet, bucht den Kurs allein, bis Mitte Oktober zum Early-Bird-Preis. [Link Coaching] [Link Onlinekurs]

Vom „Ich will” zum „Ich bin”

Dieser Nebel ist ein Zustand und kein Urteil. Er sagt nichts über deinen Wert und nichts darüber, ob du dein Leben bisher richtig geführt hast. Er sagt lediglich, dass die Umrisse gerade fehlen. In einer solchen Lage findet kein Mensch die große Antwort, also hör bitte auf, sie von dir zu verlangen. Was Neptun dir aus den Händen nimmt, war ohnehin schon eine Weile brüchig, denn er kann nichts auflösen, was trägt. Uranus öffnet in diesen Wochen Türen, die die ganze Zeit in dieser Wand waren, du hast an dieser Stelle nur keine vermutet.

Zwei Tage nach dem Vollmond wechselt Mars in den Löwen. Damit schließt sich der Bogen auf berührende Weise: Wir beginnen bei einem Mond im Widder, der „Ich will” sagt und diese Worte kaum über die Lippen bringt, und wir enden bei einem Mars im Löwen, der sagt: „Ich bin.” Aus einer Absicht, die sich rechtfertigen muss, wird eine Gegenwart, die für sich selbst steht.

Chiron geht in diesen Monaten zum letzten Mal durch den Widder, bevor er ihn im April 2027 für fünfzig Jahre verlässt. Acht Jahre lang hat er dort an dem alten Schmerz gearbeitet, dass dein Wollen im Weg stand, dass du zu viel warst, zu laut, zu eigen. Wenn dich in diesen Tagen eine Wut überfällt, deren Alter dich selbst erschreckt, oder wenn du weinst, dann ist das kein Rückfall. Es ist die Ernte von acht Jahren, die an deine Tür klopft. Mach bitte auf.

Diese eine Entscheidung, die seit Monaten wartet. Dieses eine Gespräch. Dieses eine Nö, das du aussprichst, ohne dich anschließend dafür zu entschuldigen. Der Nebel hebt sich immer, das ist seine einzige verlässliche Eigenschaft. Die Frage ist nur, ob du bis dahin wartest oder ob du losgehst. Ich empfehle dir: Geh.

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